Norden

#jagärhijabi – World Hijab Day in Malmö

Eigentlich war mein Ausflug nach Malmö zur Recherche und ein bisschen Tourismus gedacht. Dann habe ich zum ersten Mal einen Hidschab getragen.

Kopfbedeckungen scheinen ja ohnehin gerade im Trend zu sein. In jedem Fall war aber heute World Hijab Day, was ich nicht wusste, bevor ich über den Gustav Adolfs Torg in Malmö flanierte. Dann aber entdeckte ich den Stand dieser jungen Frauen mit Hijab/Hidschab.

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Sie gehören, wie sie mir erklärten, zur Ahmadiyya-Gemeinde, die in größeren schwedischen Städten Stände aufgebaut haben, an denen nicht-muslimische Frauen die Kopftücher (ich hoffe, es ist okay, das synonym zu verwenden) zur Probe tragen konnten. Einfach, um mal zu gucken, wie sich das so anfühlt.

Kopftuch? Jede, wie sie will

Meine Einstellung zum Hidschab bislang: Würde ich nicht tragen wollen, aber habe auch nichts dagegen, wenn eine Frau sich dazu entscheidet. Ich bin durchaus der Auffassung, dass das Kopftuch nicht zwangsläufig ein Symbol der Unterdrückung ist, sondern in vielen Fällen Ausdruck einer bewussten Entscheidung einer Frau ist.

Ich bin mir dessen bewusst, dass der Zwang mancherorts real existiert, im Iran zum Beispiel herrscht Kopftuchpflicht, in Saudi-Arabien gilt sie für einheimische Frauen – und wenn ausländische Gäste es nicht tragen, wird es zumindest bemerkt – Michelle Obama und Ursula von der Leyen haben sich der gängigen Praxis widersetzt und keinen Hidschab oder eine andere Verschleierung bei ihren Besuchen getragen und massenweise Reaktionen (auch Kritik) geerntet.

Ob die Frauen in Malmö nun freiwillig das Kopftuch tragen oder nicht, diese Einschätzung will ich mir nicht anmaßen. Den Eindruck, dass sie es aus freien Stücken tun, hatte ich zumindest. Und sie warben nicht dafür, dass jede Frau fortan mit Hidschab herumläuft, sondern ihre Aktion sollte bewirken, dass Nicht-Hidschab-Trägerinnen erfahren, wie er sich anfühlt.

Grün aus eitlen Motiven

Ich musste mich nicht lange überreden lassen, es auszuprobieren. Ich durfte mir eine Farbe aussuchen, wählte aus eitlen Gründen grün (passt gut zu meinen Augen) und tauschte die Bluetooth-Kopfhörer, die sonst auf meinem Kopf sitzen, gegen den Hidschab. Ein bisschen aufgeregt war ich schon, als eine der Frauen es anbrachte, während zwei andere mit ihren Handys unzählige Fotos mit ihren Smartphones von der Aktion machten – Social-Media-Präsenz ist bei so einer Aktion natürlich unverzichtbar – Hashtag #jagärhijabi. Ich fühlte mich extrem exponiert auf diesem Platz mitten in Malmö.

Und tatsächlich –  ich in den Spiegel schaute, sah ich ein anderes Ich. Natürlich habe ich mich im Winter auch schon deutlich stärker vermummt rausbegeben, das letzte Mal beim Joggen vor einigen Tagen, sah dabei aber eher ungewollt aus wie ein Gangster.

Nun hingegen nahm ich die Veränderung bewusst wahr. Allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass ich einen Teil von mir verstecke. Ich hatte sogar eher das Gefühl, dass Teile meines Gesichts nun viel stärker zum Vorschein kommen (meine nicht gerade zierliche Nase!). Eine andere Person steckte jedenfalls nicht darunter und wenn ich den Hidschab täglich tragen würde, würde ich nicht wollen, dass man mich darauf reduziert.

Danach durfte ich noch einen Zettel an die Stellwand heften. Auf der linken (pinken) steht: „Hijab sorgt dafür, dass ich mich wie folgt fühle:“ Auf den Zetteln steht „selbstbewusst“, „schön“, „sicher“ und schließlich meins: „selbstbestimmt“.

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Wie gesagt, vielleicht ist das eine schöne Illusion, dass alle Frauen, die ein Kopftuch tragen, dies aus freien Stücken tun. Aber in meinem Fall war es ja so, dass ich es aus freien Stücken tat. Würde ich, wenn ich Muslima wäre, das Kopftuch tragen?

Ich tendiere dazu zu sagen: nein. Ich würde mich allen Werten, entsprechend derer ich lebe, nicht verhüllen wollen. Aufgrund einer generellen Skepsis gegenüber religiösen Vorgaben lehne ich auch das Zölibat ab, und dass Frauen in der katholischen Kirche kaum Mitspracherecht haben, Kruzifixe in Schulen et cetera.

Aber wenn ich diesen Glauben leben würde, würde ich vielleicht auch ein Kopftuch tragen wollen. Wer weiß, es bleibt hypothetisch.

Auf Social Media gibt es das übliche Gebrüll von der Unterdrückung der Frau und dass man einen solchen Tag nicht feiern sollte. Aber genauso wie jede Frau das Recht haben sollte, den Hidschab nicht zu tragen, sollte sie auch das Recht haben, ihn zu tragen. Und wenn ich an die Tage nach der Wahl Donald Trumps denke, und dass danach viele Frauen Angst hatten, mit Kopftuch auf die Straße zu gehen, weil sich einige White Supremacists plötzlich unbesiegbar fühlten und Muslime auf offener Straße bedrohten, ist mein Schluss, dass ein solcher Tag gut und wichtig ist. Und unter anderem deshalb (und vor allem, weil ich überrumpelt wurde) habe ich auch zur Twitteroffensive nicht nein gesagt.

Übersetzung: „Wir feiern Hidschab-Tag am Gustav in Malmö. Komm vorbei!“