Norden

Freunde finden in Skandinavien – härter als anderswo?

Wenn ich heute nach Schweden reise, treffe ich dort vor allem Deutsche. Es ist mir schwergefallen, schwedische Freunde zu finden. Und damit bin ich nicht alleine.

Zwei Monate in Stockholm im vergangenen Jahr, das bedeutete helle Nächte, eine großartige Stadt, jede Menge neue Erfahrungen. Und viele neue Bekanntschaften, denn viele Leute kannte ich dort vorher nicht. Eigentlich war es nur eine Kommilitonin aus dem Auslandssemester in Lund, Sarah aus Kalifornien.

Aber in den Wochen bei Radio Schweden und NORR lernte ich viele nette Leute kennen, Kollegen, mit denen ich auch mal außerhalb der Arbeit was unternahm. Außerdem nahm ich mir die Liste der ehemaligen Stipendiaten vor, Schweden, die mal mit dem gleichen Programm in Deutschland waren, und verabredete mich mit einigen von ihnen. Regelmäßig bekam ich Besuch von Freunden, ich hatte durch einen Glücksgriff ein ganzes Haus für mich alleine. Ich traf Sarah wieder. Einsam war ich also nicht.

Natürlich gab es coole Nachmittage und Abende mit Schweden

Und trotzdem ist es so, dass ich mich, wenn ich heute nach Stockholm zurückkehre, immer nur mit Deutschen treffe. Versteht mich nicht falsch, ich hatte eine wunderbare Zeit, wenn ich mit den Schwedinnen und Schweden verabredet war. Wir haben gut gegessen, uns nett unterhalten, haben sogar den Fußball-Europameisterschafts-Titel der schwedischen U21 zusammen gefeiert. Trotzdem: Die Initiative für die Treffen ging immer von mir aus. Es blieb irgendwie unverbindlich.

Ich musste mir soziale Kontakte organisieren – organisieren ist das richtige Wort dafür – es war wirklich Arbeit. Aber vor allem: Ich hatte manchmal das Angst, denjenigen auf den Nerv zu gehen. Mich ihnen aufzudrängen. Und ständig Tête-à-Têtes einzufordern, wäre vermutlich auch wirklich dreist gewesen – schließlich haben die Leute ja auch noch ein Leben jenseits des Bespaßens von Austauschjournalisten. Eine Einladung, sich einfach mal einer Gruppe von Freunden anzuschließen, wäre fein gewesen. Es kam aber nie eine.

Die ewigen Selbstzweifel: Liegt’s an mir?

Um zu schauen, ob es an mir lag, oder daran, dass ich ja nur zwei Monate in Schweden war, habe ich die Frage an die Gruppe „Deutsche in Stockholm“ bei Facebook weitergegeben (allein die Existenz dieser mehr als 1.000 Mitglieder umfassenden, sehr aktiven Gruppe spricht ja bereits für sich). Luise, zugleich eine Freundin von Sveriges Radio, hat geantwortet, dass sie seit fast 30 Jahren in Schweden ist und es trotzdem noch „extrem schwierig“ findet, Kontakte zu finden. Richtig enge Kontakte habe sie nur über die Familie ihres Mannes. Alles andere? Oberflächlich!

"Es ist alles dein Fehler" - T-Shirt im Schaufenster einer Stockholmer Buchhandlung.

„Es ist alles dein Fehler“ – T-Shirt im Schaufenster einer Stockholmer Buchhandlung.

Marco schreibt, er sei seit fünf Jahren in Stockholm und habe keine schwedischen Freunde. Puh! Das sind ja tolle Aussichten. Aber es gebe eine aktive Expat-Szene. Das habe ich auch bemerkt, und profitiere davon, meine deutschen oder internationalen Freunde treffen zu können, wenn ich mal wieder in Stockholm bin. Auch Malisa gibt mir recht. Sie rät, Geduld zu haben – und Eigeninitiative zu zeigen. Dann würde es auch klappen mit den Einladungen. Und wäre ich länger in Stockholm geblieben, hätte ich es genauso gemacht, wie sie es rät. Gut schwedisch können und sich einem Verein anschließen, sind Tipps von anderen.

Aber es gibt auch diejenigen, die sagen, dass es in Stockholm auch nicht schwieriger sei als in Deutschland, gerade, wenn man nicht mehr studiert und in den Kursen automatisch neue Leute kennen lernt.

Studienergebnisse vs. Bauchgefühl

Bauchgefühl und Erfahrungsberichte schön und gut. Zum Glück gibt es dazu noch die Expat Insider Internations Survey – eine Studie, die hunderte Fragen rund um das Leben als Expat behandelt: Arbeit, Familienleben, allgemeine Lebensqualität – und wie leicht es ist, sich einzuleben („ease of settling in“). Expats in 67 Ländern, darunter Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark (und natürlich auch Deutschland) wurden befragt. Und während die skandinavischen Länder sich als besonders familienfreundlich herausstellen (no surprise there) und Deutschland vor allem durch seine sicheren Jobs besticht, bestätigt sich, was oben ausgeführt ist.

  • Wie leicht es ist, sich einzuleben: 59. Finnland, 62. Schweden, 63. Norwegen, 65. Norwegen (Deutschland ist auf Platz 57, Letzter (67.) Kuwait)
  • Das Gefühl, willkommen zu sein: 52. Finnland, 61. Schweden, 63. Norwegen, 64. Dänemark (Deutschland auf 49, Letzter Saudi-Arabien)
  • Freundlichkeit: 54. Finnland, 60. Dänemark, 62. Schweden, 63. Norwegen (Deutschland auf 55, Letzter Kuwait)
  • Freunde finden: 59. Finnland, 64. Schweden, 66. Norwegen, 67. und damit Letzter Dänemark (Deutschland auf 58)
  • Sprache: 29. Schweden, 37. Norwegen, 50. Dänemark, 63. Finnland (Deutschland auf Platz 60, Letzter Ungarn)

Ganz weit oben stehen übrigens Malta, Mexiko und Costa Rica. Skandinavien ist also wirklich ein ziemlich schlechter Ort, um sich einzuleben, soziale Kontakte zu finden und sich freundlich empfangen fühlt.

Direkt darauf folgt die Einsicht: Deutschland ist kaum besser. Es scheint nur besser, wenn man hier aufgewachsen ist und sich diese Frage praktisch nie stellen musste. Aber vielleicht stelle ich sie mir demnächst häufiger – wenn ich Leute kennen lerne, die aus dem Ausland oder einer anderen Stadt kommen und sie hier kaum soziale Kontakte haben.

Und: Sollte ich jemals ganz nach Skandinavien auswandern, dann weiß ich zumindest, worauf ich mich einlasse.