Norden

„Wenn du wegrennst, wirst du sterben“

Clowns sollen eigentlich lustig sein. Aber in Schweden tauchen die maskierten Rotnasen seit Kurzem vermehrt aus dem Nichts auf und flößen den Menschen Angst ein und greifen in Extremfällen sogar an. Auch der Innenminister hat sich schon eingeschaltet. Denn die Clownsgegner schwören Rache.

Phänomen aus den USA übergeschwappt

Seit im August in den USA (South Carolina) die ersten Clowns gesichtet wurden, hat sich dieses Phänomen auch auf andere Länder ausgedehnt. Australien, das Vereinigte Königreich – und eben auch: Schweden. Über den „Clownskräck“ (dt.: Clownangst) berichten der öffentlich-rechtliche Rundfunk, seriöse Tageszeitungen, das Frühstücksfernsehen räumte den Maskierten fast zehn Minuten Sendezeit ein. Aber wieso wird so ein Aufhebens um die Clownsichtungen gemacht?

Woher kommt die Angst vor Clowns?

Es existiert eine relativ verbreitete Angst vor Clowns: Die rührt vermutlich daher, dass man hinter der Maskierung keine Emotionen lesen kann. Man weiß nicht, was die- oder derjenige im Schilde führt. Eine andere Theorie ist, dass die Angst vor Clowns dem Zeitalter des mittelalterlichen Narren entstammt, der andere an ihre Unzulänglichkeit und ihre animalische Seite erinnerte und daran, wie dumm, lächerlich und unlogisch sie manchmal handelten. Aber vielleicht haben wir auch einfach nur Angst, weil die Popkultur uns gelehrt hat, dass Clowns böse sind (zum Beweis eine Liste). Allein über die Gründe der Clownphobie (auch: Coulrophobie) könnte man vermutlich Seiten füllen.

Aber es ist mehr als eine diffuse Angst, die derzeit in Schweden umgeht.

Clowns verfolgen und verletzen Menschen

Clowns, die aus dem Nichts auftauchen und die Leute erschrecken, haben allein in Südschweden zu 70 Notrufen geführt. In der Stadt Ronneby ist ein Clown mit einem Messer Passanten hinterhergejagt. Eine 15-Jährige auf dem Fahrrad in Falun (Dalarna) wurde von zwei Clowns überrascht, die sie anschließend verfolgten.

Meistens sei es so, dass die Leute einen Clown gehört oder gesehen haben. Wenn die Polizei aber an den jeweiligen Orten eintrifft, an denen die Clowns gesichtet wurden, seien die meist bereits verschwunden, sagte eine Polizeisprecherin der Zeitung Sydsvenskan. Die Clowns würden viele Ressourcen in Anspruch nehmen, und das sei unnötig. „Wenn man einen Clown auf der Straße sieht, ist das kein Verbrechen, aber wenn man sich angegriffen fühlt, sollte man direkt die Polizei rufen.“

Und die Clownangst geht über reines Erschrecken hinaus, in mindestens einem Fall. In Varberg (rund 70 Kilometer südlich von Göteborg) wurde ein 19-Jähriger von einem Mann mit Clownsmaske mit einem Messer attackiert und an der Schulter verletzt. Das Opfer habe vor einem Laden gestanden und geraucht, als der Clown auftauchte und angriff. Als der junge Mann seinen Freund im Laden rief, verschwand der Clown – und bisher fehlt von ihm jede Spur.

„Wenn ihr wegrennt, sterbt ihr“

Die Clownangst verbreitet sich offenbar vor allem über die sozialen Netzwerke. Einer der Clowns drohte auf Instagram: „Hallo alle in Bunkeflo (Anm.: Stadtteil von Malmö). Ich komme in 30 Minuten raus. Wenn du mich siehst, renn nicht weg. Solltest du wegrennen, wirst du sterben.“ Dieser Eintrag, über den vielfach berichtet wurde, wurde aber vom Accountbetreiber aber offenbar wieder gelöscht und durch einen neuen Eintrag ersetzt, in dem er schreibt: „Hallo an alle in Bunkeflo. Ich will nicht fies sein euch gegenüber. Ich will nur Freunde finden. Also Entschuldigung <3 <3“

Hej alla i bunkeflo. Jag vill inte va taskig mot er. jag vill bara skaffa vänner. så förlåt ♥♥

Ein von @snalla_clownen gepostetes Foto am

Der Mob könnte zurückschlagen

Die Kommentare unter dem Instagrampost zeigen: Diese Entschuldigung zieht nicht so richtig. „Fick deine ekelhafte Mutter“ steht da, oder: „Warum tust du sowas mit uns?“. Einer droht zurück: „An Halloween wird Clownsblut über die Straße rinnen.“

Deshalb warnt auch die Polizei schon: Der Scherz könnte nach hinten losgehen. Clowns würden sich selbst in Gefahr bringen, weil man nicht wisse, wie ein wütender Mob reagiere.

„Das Leben ist ein Zirkus und du hast Clownangst“

„Das Leben ist ein Zirkus und du bist eingeladen“ steht auf dem Schild im Schaufenster. Die Wissenschaftsjournalistin und Forscherin Emma Frans hat den Slogan an die Ereignisse der letzten Tage angepasst und twittert: „Hier sollte stehen: Das Leben ist ein Zirkus und du hast Clownangst.“

Gefährden die Clowns den sozialen Frieden?

Der Innenminister ruft derweil zur Besonnenheit auf: „Wir wollen keine Entwicklung haben, in der Menschen riskieren, richtig in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie, vielleicht halb zum Scherz – eine Clownsmaske tragen.“ Die Polizei sei alarmiert. Wobei mir nicht so ganz klar ist, ob die Maskenträger a) in Schwierigkeiten geraten, weil sie Leuten mit Waffengewalt Angst einflößen, oder b), weil die Leute ihnen irgendwann aus Wut an den Kragen gehen. Wahrscheinlich beides – Politikerrhetorik eben. Klingt fast so, als ob die Clowns den sozialen Frieden in Schweden gefährden könnten.

Gute Clowns distanzieren sich

Die freundlichen Clowns in Schweden haben sich bereits vom Clownschreck distanziert. Die Clowns der Glädjeverkstan (dt.: Freudenwerkstatt), die Kinder in Krankenhäusern aufmuntern, schreiben: Diese Clowns haben eine lustige, liebevolle Figur gekidnappt und zu einer abscheulichen Schreckensmaske verfälscht. Clowns sind Freunde der Kinder, die Freude verbreiten wollen. Es ist extra-zynisch und böswillig, dass Clownsmasken nun mit schlimmen Handlungen verbunden werden.“

Ich hoffe wirklich, dass es dieser Trend nicht nach Deutschland schafft*. Happy Halloween.

EDIT: Tobias Oe. hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es auch in Deutschland bereits erste Fälle von „Horror-Clowns“ (zweifelhafte Wortwahl, aber nun ja) gegeben hat. So berichtet die „Kölnische Rundschau“ von einem Clown mit Baseballschläger in Gelsenkirchen, und einem mit Pistole und Messer in Wesel. Danke, Tobias. Ich gehe dann mal in Deckung.